Wir sind hier nicht zum Spaß - Kollektive und subkulturelle Strukturen im Berlin der 90er Jahre

Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin, 29.6.-25.8.2013

Viele Künstlerinnen und Künstler wendeten sich im Berlin der 90er Jahre neuen Formen der Zusammenarbeit zu. Ziel ihrer weitgehend selbstorganisierten Strukturen war es, mit minimalem finanziellen Aufwand kulturelle Produktionen anzustoßen und die volle Kontrolle über die sich daraus ergebenden Prozesse zu behalten. Man initiierte kleine oder größere Clubs, gründete Galerien und Plattenlabels oder gab Magazine im Eigenvertrieb heraus.

Die damit verbundenen Erlebnisse wurden häufig über Szene- und Genregrenzen hinweg geteilt, und so kamen Aufmerksamkeit und Wertschätzung oft von unerwarteter Seite. Vielen ermöglichte das ein völlig neues Gefühl des Daseins, bei dem man sich gut als Teil eines größeren Ganzen fühlen konnte und für das obendrein noch nicht einmal ein Manifest nötig war. Das Leben im Augenblick, die Neugier auf das Anderssein der anderen, Verweigerung der Vermarktbarkeit und kollektive Arbeitspraktiken schienen in der Luft zu liegen.

Die dafür nötigen Räume waren im Ostteil der Stadt ebenso großzügig verfügbar wie die passende Atmosphäre und ein Großteil des Mobiliars. Manche dieser Orte wurden später einfach abgerissen, andere zu Kinderspielplätzen, exklusiven Restaurants, Hotels oder Büroräumen umfunktioniert. Außer denen, die dabei waren, weiß heute jedoch kaum jemand, was dort passierte. Außenstehenden blieb das, was sich hinter unscheinbaren Türen, den Kellergewölben eines zweiten Hinterhofs oder auf versteckten Grünflächen abspielte, verborgen.

Wir sind hier nicht zum Spaß verbindet einige dieser Ansätze und setzt sie in einen größeren, urbanistischen Kontext. Anhand von Gesprächen mit über 30 Akteurinnen und Akteuren dieser Zeit entstand ein Hörstück, das Zusammenhänge aufzeigt, die für das subkulturelle Schaffen der 90er Jahre bezeichnend waren. In Verbindung mit den Exponaten ergibt sich ein Stück bislang kaum beschriebener Stadtgeschichte und durch die Talks eröffnet sich ein neuer Blick auf die Gegenwart.

kuratiert in Zusammenarbeit mit Stéphane Bauer, gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds


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Ausstellung unter Beteiligung von:

Jim Avignon, Gerhard Behles, Brox+1, Heinrich Dubel, Martin Eberle, Safy Etiel (SNIPER), Hallo-TV, Internationale Stadt, Karl Heinz Jeron, Kotai+Mo, monitor automatique, Torsten Oetken, Alexej Paryla, Paul Paulun, Daniel Pflumm, Mike Riemel, Gereon Schmitz, Penko Stoitschev, taschencomix, Steffy van Valanger, visomat inc.

Gesprächspartner des Hörstücks:

allgirls, Inke Arns, Jim Avignon, Georg Barber, DJ Bass Dee, Gerhard Behles, Captain Space Sex, José de Costa, Dominique Croissier, Stefan Dettmar, Andreas Döhler, Heinrich Dubel, Friedrich Eberhard, Simone Gilges, Christoph Grote-Beverborg, Yvonne Harder, Falko Hennig, Thaddeus Herrmann, Karl Heinz Jeron, Johannes Kahrs, Laura Kikauka, Doreen Kutzke, Gordon Monahan, DJ Newcleus, Torsten Oetken, Daniel Pflumm, Katja Reichard, Leigh Sachwitz, Penko Stoitschev, Petra Trojan, Ute Waldhausen, Jutta Weitz

Talks

Dienstag, 9. Juli 2013, 19 Uhr
Elektronische Lebensaspekte
Talk mit Joachim Blank, Robert Henke und Sandra Mamitzsch, Moderation: Andreas L. Hofbauer

"Future is now!" propagierte Captain Space Sex Mitte der 90er Jahre vielfach während seiner Performances. In Berlin entstand zu der Zeit mit dem Projekt Internationale Stadt eines der ersten digitalen sozialen Netzwerke und die Installation Wonga machte den Umgang mit elektronischen Klängen intuitiv. Aspekte von Wonga finden sich auch in der daraus entstandenen Software Ableton Live. Das Programm zählt seit Jahren weltweit zum Standardprogramm elektronischer Musikerzeugung und die Macht digitaler sozialer Netzwerke ist nicht erst seit dem Facebook-Börsengang offensichtlich. Ist die Saat also aufgegangen? Oder gibt es auch Schattenseiten dieser Entwicklungen? Hat sich elektronische Musik in den letzten Jahren nicht zunehmend verflacht? Sind wir in einer Zukunft angekommen, in der dabeisein wirklich alles geworden ist oder gibt es noch Raum für klangliche, technische und soziale Utopien?

Dienstag, 23. Juli 2013, 19 Uhr
Kolonialisierung des Nachtlebens
Talk mit Daniel Pflumm, Jan Kage und Tobias Rapp, Moderation: Claudia Wahjudi

In einem Katalogtext konstatierte Daniel Pflumm Mitte der Nuller Jahre eine Kolonialisierung des Nachtlebens durch das Aneignen falsch verstandener Freiräume. Wodurch unterscheiden sich heutige Freiräume von denen der 90er? Können wir uns überhaupt noch nicht erfundene Freiräume vorstellen oder ist es vielleicht sogar ganz gut, dass sich vieles mittlerweile an einer konkreten Verwertbarkeit innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Bahnen orientiert? Und welche Rolle spielt die nach wie vor omnipräsente elektronische Musik dabei? Berlin hat eine neue Richtung ein- geschlagen, seit es zur Hauptstadt des von Tobias Rapp so bezeichneten Easyjetsets wurde. Das Panel möchte untersuchen, unter welchen Voraussetzungen kreatives Arbeiten und Sich-Ausprobieren in Berlin heute möglich sind.

Dienstag,13. August 2013, 19 Uhr
Wem gehört die Stadt?
Talk mit Jesko Fezer, Lutz Henke und Dolly Leupold, Moderation: Ute Adamczewski

1990 begannen verschiedene Subkulturen den Bezirk Mitte für sich zu erschließen. In den folgenden Jahren ergab sich dort eine Vielzahl an bespielbaren Orten und oft fand sich bei psychogeographischen Streifzügen durch die Stadt auch noch dafür nützliches Inventar. Ende der 90er Jahre begann dann die Vermarktung dieses Lebensstils. Zeitgleich mit der von Kultursenator Peter Radunski forcierten Politik einer Highlight-Kultur (Kongress Berlin Beta, Berlin Biennale, Love Parade ...) begannen sich immer mehr innerstädtische Brachen in Einkaufszentren, leerstehende Bürogebäude oder Townhouses zu verwandeln. Inzwischen gilt der seit 2008 nunmehr weltweit mit der Kampagne Be Berlin beworbene Mythos vom "kreativen Durchwurschteln" international als hip und generiert Unmengen Neuberliner. Spielt der Berliner Stadtraum für sie beim Entwickeln von Ideen noch eine Rolle? Auf welchen Flächen findet heute was statt? Und welche Rolle spielen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit dabei?

Filmpräsentation

Dienstag, 6. August 2013, 19 Uhr
I'm glad I can't remember
Screening und Talk mit Tine Neumann

Das Filmportrait von Tine Neumann und Alexandra Claus dokumentiert Netzwerke der Ausstellungs- und Clubkultur nach dem Mauerfall in Mitte, als verlassene Ladengeschäfte, Baracken oder Container zu Präsentations-, Bar- und Kommunikationsräumen umfunktioniert wurden und in ihnen eine Mischung aus Leben und Kunst, sozialer Plastik, Subkultur und Szenetreff entstand. Fokussiert werden die Überschneidungen von persönlichen und künstlerischen Mustern, von äußeren Bedingungen und eigenem Potential. Es entfaltet sich das Portrait einer Kunstszene, angesiedelt im Irgendwo zwischen nicht mehr und noch nicht.

Buchpräsentationen

Dienstag, 30. Juli 2013, 19 Uhr
galerie berlintokyo
Buchpräsentation mit Martin Eberle

Die galerie berlintokyo existierte von 1996 bis 1999 in der Rosenthaler Straße in Mitte. Konzept und Programm brachten dort Kunst, Musik und Party möglichst zusammen, damit der Abend rockte. Anläßlich der Ausstellung Wir sind hier nicht zum Spaß erscheint bei Drittel Books ein Buch mit Fotos von Martin Eberle. Die Bilder erzählen aus der Mitte des Geschehens von Jeans, Kuscheldöner und R'n'R. (--> galerie berlintokyo)

Donnerstag, 8. August 2013, 19 Uhr
Dier ersten Tage von Berlin - Der Sound der Wende
Buchpräsentation und Talk mit Ulrich Gutmair, Moderation: Heinrich Dubel

Vor dem Hintergrund der Aneignung von Mitte durch Künstler, Hausbesetzer, Clubbetreiber, Galeristen, DJs und Raver in den 90er Jahren geht der Journalist Ulrich Gutmair in seinem neu erschienenen Buch der Fragestellung nach, warum Berlin heute ist, was es ist. (--> Die ersten Tage von Berlin)



Bild: T. Oetken/visomat inc.

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