...einmal komplett! (2011)


Der Aufnahmeprozess bleibt Konsumenten von Tonträgern üblicherweise verborgen. Sobald sich die Nadel auf die Platte senkt, der Laser eines CD-Spielers Daten abtastet oder solche aus den Untiefen des RAM in Musik gewandelt werden, ist Showtime - Zeit für Illusionen.

Die Vorgabe für Konzerte mikrofonierende Rundfunktechniker lautet, dass ihre Aufnahme den Vorstellungen des Komponisten möglichst nah zu kommen hat. Wie lange braucht es aber, um Anton Weberns auf vier Minuten verdichtetes Stück Sechs Bagatellen für Streichquartett aufzunehmen? Ist das angesichts der Komplexität der Komposition in nur einem Take möglich? Wieviele Tontechniker sind dafür nötig? Worüber sprechen die? Auf was muss während der Aufnahme geachtet werden? Und welche Geräusche treten dabei auf?

Für die B-Seite der auf dem Kölner Label Blinker erschienenen Aufnahme des Asasello Quartetts mit Weberns Bagatellen habe ich in Konzertsaal und Controlroom Mikrofone aufgestellt, die das Einstimmen der Instrumente, kleine Geräusche in den Spielpausen, Gespräche der Techniker und das Klacken der Bandmaschine eingefangen haben. Beim Abhören des Materials faszinierte mich vor allem die kurze und zielgerichtete Kommunikation der Techniker. Sie diente fast ausschließlich dazu, Komplikationen in den Griff zu bekommen - ob beim Einrichten und Verkabeln der Gerätschaften, während des Synchronisierens der Pegel oder bei der Aufnahme.

Entlang der Parameter Geräusch, Musik und Sprache entstand daraus ein Hörstück, das die mit der besonderen Situation des analogen Mediums Bandmaschine verbundenen Tätigkeiten des Aufnahmeprozesses widerspiegelt.




...einmal komplett!


Ach, das ist nicht schlimm. Das rauscht halt ein bisschen, aber das ist nicht dramatisch - Aber das ist doch verboten, oder? - Also acht Mikros... plus - Ist die eingemessen? - Die ist eingemessen - Wer hat denn das gemacht? - Die Messtechnik - ... ganz analog - Kann ich mal ganz kurz noch mal hier die Lautsprecher zumachen? - Mach! - ok-ne? - Super! - Ja? - Ja! - Gut - Dann könn' wa ... hundert... einunddreißigkommafünf - Hertz - Ist das jetzt die Null? - Das ist ziemlich genau Null, oder? - Ich glaub, unter 'nem halben dB ist noch grade ... - Ich würd' das auch nicht so hoch auspegeln ... ich dreh's 'n Ticken runter - Wir hör'n mal in die DPAs rein - Die färben halt ein bisschen auch - Da ist rechts leiser - Ja, hab ich jetzt grade schon ausgeglichen - Wir hör'n jetzt die TLMs - Das links ist immer noch ein bisschen leiser bei den DPAs - Ein dB oder zwei dB - Also ich mein, wenn das da mal zwei, drei dB drüber ist, ist echt völlig unproblematiasch - Jaja-- ähm ... - Hörst Du lieber über Lautsprecher oder über Kopfhörer? - Eigentlich über Lautsprecher - ok - gut - Aber wie stellst Du das denn jetzt ein? - Wo ist das von der Zeit? - Ja, hier - Ich würd' einfach von der Summe hier ... - Also: nee-neeneenee - Achso, nee - natürlich hast du nichts drauf. Ah Scheiße, ähm ... - Ich hab's wieder! - Doch 'n falschen Input geroutet - Achtundvierzig oder Vierundvierzig? - Vierundvierzig! - Gut! - Ähm ... - Ich hab jetzt die Null gesetzt - Take eins, Take zwei - Was ist das jetzt? - Achso - Das wäre Take drei gewesen - Eins, zwei, drei - Sechs Bagatellen ... - ... für Streichquartett - Das heißt Pause mit Geräusch  - Manchmal gibts auch P  - Pause ohne Geräusch  - Ist das für Dich ok, wenn der Sequoia da steht? - Vier ist F - War das jetzt eben hier schon drauf? - Scheiße! - Einzige Frage wäre jetzt: Monokompatibilität? - Wir müssten einfach insgesamt noch ein bisschen was hören, um ... ähm ... - Was wir da sehen, sind die Vorpegel - Analog die Summe ist eh minus neun - Das heißt, ich würde jetzt entweder hier ... - ... das abhören - Ich hör' Hinterband - Na, ich hör' jetzt auch Hinterband - Ahja ... Ja hömma ... - Kommt da schon was an? - Ähm ... - Wart mal! Stop-stop-stop - ... ist der Auto-Pan drin? - Nein, da ist natürlich noch der Saal mit drauf - Soll ich zwei Monospuren lassen, oder stereo? - Mach mal 'ne stereo, ne? - Das heißt: Entweder ich höre was oder die Lautsprecher? - Dann lässt Du das auch auf Ende, jetzt hier? - Jaja, sicher - bietet sich an. Wir müssen sowieso nach vorne. Dann vorne neu einfädeln. Und dann, wenn's losgeht, auf Null drücken - und dann ... - Dann noch einmal Quietsch-Ruckel- Test, ja ... - Irgendwas knarzt tierisch ... - Stühle? - Hm-ehm - so, jetzt würden wir ... Wie geht's Euch? - Jetzt können wir uns hier aussuchen, wie's nachher aufm Band klingen soll, aber das Band selber ... - Ist das ein Löschband? - Nein, äh ... - Pff ... - Elf null fünf sechzehn - Sechzehnter Fünfter - Webern - Wollt ihr loslegen schon? - oder ... - Also, ich mach ... - Fehlstart - also neu ... - ok - wir sind soweit. Das Band läuft - Band eins, Band zwei - Take elf - Aber ich meine, am Anfang gab's doch auch nur 14bit und so Zeug ... - Hat man nicht auf Umatic oder so Zeugs ... - Ich mach wieder ein bisschen leiser, ja? - Das heißt, ich magnetisier' einfach weiter - Kann ich hier laufen lassen einfach? - Ja, kleinen Moment - Schlampampi - Wie Schönberg gesagt hat - irgendwann werden's die Leute pfeifen - Machst du 'n Take da draus, oder was? - Sekunde ... ja - Läuft - Take vierzehn - Neuer Take - Ich halt an - Dann Take siebzehn - Band läuft - Eine Version noch hinterher - Seid ihr soweit? - Wir melden uns, wenn wir fertig sind - Gut, wir sind soweit - Take achtzehn - ok, das Band läuft - Take neunzehn - Stop! - Wir halten noch mal an ... - Einmal komplett - Take zweiundzwanzig - Achso, doch noch nicht ... - ok? - Band läuft ... - Das Band läuft, ja ... - ok? - Oh, wir stehen hier nicht auf Ende, seh' ich grade - Zack-Zack - Das wird Take dreiundzwanzig - ok - Also, das einzige, was jetzt nicht... - Ich mach 'n neuen, ja? - Take sechsundzwanzig - Schön! Kommt ihr zum Abhören?


Produziert für das Label Blinker


Produzent: Manuel Schwiertz
Co-Produzent: Frank Kämpfer
Aufnahmeproduzent: Felix Dreher
Toningenieur: Hendrik Manook
Tontechniker: Christoph Schumacher

Asasello Quartett:
Rostislav Kozhevnikov: Violine
Justina Sliwa: Violine
Barbara Kuster: Bratsche
Wolfgang Zamastil: Violoncello

Aufgenommen im Kammermusiksaal des Dutschlandfunks


Bild: Manuel Schwiertz




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