Stadt - Klang - Fluss

Justin Bennett im email-Interview (De-Bug, 1997)



Dass Städte ihre eigenen Rhythmen haben, dürfte jedem aufgefallen sein, der zumindest in zweien war. Aber wie sieht es mit dem Klang aus? Was macht eine Espressomaschine in Italien wohlklingender als die im Café nebenan und was lässt Barcelonas Straßen entspannter klingen als vergleichbare hier? Justin Bennett beschäftigt sich mit solchen Fragen und hat das Phänomen des Raumklangs europäischer und marokkanischer Städte auf seiner CD Cityscape untersucht. Neben diesem Tonträger fanden die dafür entstandenen Aufnahmen auch Verwendung in Installationen, Radiomixen oder jener ROM-Applikation, bei der sie sich auf einem fiktiven Stadtplan durch Darüberhuschen mit der Maus aktivieren lassen. [...]

PP: Wie bist Du dazu gekommen Dich mit Klängen und Rhythmen von Städten zu beschäftigen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
JB: Ich glaube, dass das in Sheffield war, wo ich gwohnt habe, bevor ich nach Holland gezogen bin. Ich habe immer mit der Idee 'Stadt' gearbeitet, sowohl klanglich als auch bildlich. Mich faszinierte Architektur, oder besser gesagt die Räume ZWISCHEN der Architektur, die Bewegungen und Ströme innerhalb einer Stadt.

PP: Mit Ausnahme von Tanger und Fes arbeitest Du bei Cityscape ausschließlich mit Klängen europäischer Städte. Worin liegt der Grund für diese Einschränkung?
JB: Ich sehe das nicht so sehr als Einschränkung, sondern eher als Wahl oder Folge des Projektes an sich. Die Audio-CD ist die Dokumentation eines Radioprojektes, das ich für eine einzelne Stadt, zunächst Den Haag, wo ich auch lebe, gemacht habe. Kurz gesagt war die Idee, in ihrer extremsten Form, einen Radiosender aufzustellen, der den Bewohnern einer Stadt ein akustisches Fenster zu ihrer Stadt eröffent. Mikrofone sollten sowohl in privaten Räumen wie auch an öffentlichen Stellen der ganzen Stadt platziert werden und zu jeder Zeit sollte ein selektierter Mix aus diesen Kanälen zu hören sein. So einen habe ich dann nächtelang auf Radio Tonka, einer lokalen freien Radiostation, gemacht. Für mich ging es dabei sowohl um die Skulptur wie um den Klang. Ein Projekt, das sich hauptsächlich mit Raum beschäftigt, den öffentlichen und privaten Räumen der Stadt, und dem Raum, der durch die Übertragung an sich erst entsteht. Dieses Projekt wurde eine Art Einstieg in eine ziemlich unwissenschaftliche Form der Forschung bezüglich der Wirkung von Architektur auf die Klanglandschaft und der vielen Möglichkeiten, Raum in Stereoklang umzusetzen, schließlich war es ein UKW-Sender. Aufgrund meiner Arbeit reise ich sehr viel in Europa und im Mittelmeerraum und nehme dabei dann 'on location' mit tragbarem Equipment auf. Viele der Klänge auf der CD sind Livemixe aus den Radiosendungen in Den Haag, andere stammen von Installationen in Rotterdam und Amsterdam. Der Rest sind 'Research'-Aufnahmen aus meinem Archiv. Die marokkanischen Aufnahmen sind mir sehr wichtig, da sie den Gegensatz zu den nordeuropäischen durch Kontrast im räumlichen, architektonischen Sinn verdeutlichen. Die kleinen Gebäude sind oft gekachelt und haben sehr viele Fenster und Türen, oft mit Höfen und sie stehen immer sehr dicht beieinander. Das erzeugt eine Resonanz, eine sich verlagernde Art von Räumlichkeit in der Klanglandschaft, die bei den anderen Aufnahmen nicht zu finden ist. Natürlich hört man auch andere Klänge an sich, aber das finde ich weniger interessant.

PP: Wie sieht es mit den Rhythmen asiatischer Städte aus? Warst Du schon einmal dort? Gibt es Projekte mit Klängen aus dieser oder anderen Regionen?
JB: Nein. Ich war noch nie in Asien. Es wäre bestimmt interessant zu vergleichen, aber da habe ich zur Zeit keine Pläne, weil ich lieber dichter an meinem Zuhause arbeite. Kürzlich habe ich im Rahmen der Ausstellung The Secret City einen Audioguide (auch mittels Radio) für die kleine holländische Stadt Middelburg gemacht. Dabei habe ich auch Texte benutzt, um Geschichten zu erzählen oder Anweisungen zu geben. Dann arbeite ich daran eine CD über Den Haag zu machen. Dafür sammle ich momentan Material und hoffe, dass sie sich von Cityscape unterscheiden und vielleicht weniger 'ambient' sein wird. Ein anderes Projekt ist für die beiden Städte Breda und Antwerpen mit Radiosendern in den Gebäuden Der 'Artists Initiative' Lokaal 01.

PP: Welches Verhältnis hast Du zu den Sounds, die Du aufnimmst? Gibt es so etwas wie Respekt gegenüber Ort/Menschen/Situation, die sie repräsentieren und versuchst Du das in Installation/Arrangement beizubehalten oder ist das bloß Rohmaterial für Dich, mit dem Du machst, was Du willst?
JB: Das hängt sehr vom Kontext und der Art Arbeit ab, die ich damit verfolge. Ich merke, dass ich die Aufnahmen sehr mit der Stimmung des Ortes in Verbindung bringe, mit Erinnerungen an Bilder, Menschen und Emotionen. In der Tat ist es eine sehr persönliche Beziehung, die mich mit dem Material verbindet und obwohl ich mir darüber im klaren bin, dass andere Hörer das nicht in dem Umfang nachvollziehen können, beeinflusst es meine Art damit zu arbeiten sehr, und zwar in der Art, wie ich die Klänge strukturiere und verbinde. Letztendlich kommt es natürlich immer daruf an, was der Hörer HÖRT und auf die Assoziationen oder Gefühle oder Erfahrungen, die in ihm hervorgerufen werden. Das ist bei jedem anders und heißt, dass ich auf bestimmte Weise eine Distanz zu dem Material gewinnen muss. Manchmal gelingt das dadurch, die Klänge selbst zu ändern oder sie zeitlich oder räumlich anders zu arrangieren. Manche Aufnahmen möchte ich gar nicht anfassen, andere mache ich schon aus dem Gedanken heraus, sie zu bearbeiten. In Tanger habe ich z.B. das Allahu Akhbar mehrfach von verschiedenen Orten aufgenommen, ganz so wie das vermutlich jeder Audiotourist macht. Dabei kam eine wunderschöne Aufnahme heraus, die ich einfach nicht benutzen möchte. Sie ist zu spannungsgeladen, zu reich in sich selbst, um jemals in einem Stück Verwendung zu finden. Staalplaat möchte sie jetzt als Mini-CD veröffentlichen. Natürlich ist keine Aufnahme JEMALS objektiv - man trifft immer eine Auswahl, technisch wie auch ästhetisch. Ich betrachte Aufnahmen schon als Spur des Geräuschs, aber genauso als Spur desjenigen, der sie aufgenommen hat. Der Vorgang des Zuhörens ist immer aktiver Art und man könnte Cityscape als eine Kombination oder Gemisch dieser Spuren betrachten. Die Art der Zusammenstellung der CD war teilweise räumlich geprägt: den Charakter der Räume erkennen, die jede Aufnahme in sich birgt und ähnliche oder kontrastierende Stellen aussuchen und verbinden. Obwohl ich Cityscape weniger als MUSIKALISCHES Projekt bgreife, muss bei einer CD, die eine Stunde lang ist und von Anfang bis Ende gehört werden soll, doch alles stimmen. So sind letzten Endes vermutlich doch alle Entscheidungen bezüglich Timing, Mixing, Kontrast und Lautstärke musikalischer Art gewesen. Was die nachträgliche Modifikation angeht, ist da nach den Aufnahmen eher wenig passiert, was Filtern oder Mixen angeht. Bei der Aufnahme selbst habe ich jedoch die Aufmerksamkeit auf bestimmte Eigenschaften der Klänge gelegt, die durch den Einsatz bestimmter Mikrofone, die Platzierung von Mikrofonen an eher ungewöhnlichen Stellen oder sich bewegende Richtmikrofone zum Tragen kommen.

PP: Wann hast Du in Sheffield gelebt und was hat Dich dazu bewogen nach Holland zu ziehen?
JB: Ich habe dort von 1983 bis '88 gelebt und an der Kunstschule studiert (Skulptur und time-based arts). Wie heute auch wieder, gab es damals eine sehr lebendige Szene, sowohl im Dance/Industrialbereich als auch innerhalb der improvisierten Musik. Nach Den Haag bin ich dann gegangen, um am Institut für Sonologie des Königlichen Konservatoriums für Musik zu studieren. Das war für mich eine Gelegenheit, etwas über digitale Klangtechnik zu lernen, da ich mich in England hauptächlich mit Tape-Manipulationen, Instrumentenbau und 'Klangskulpturen' beschäftigt habe. Ich blieb, weil ich dort lehren konnte und anfing mit Wikke 'tHooft und Roelf Toxopeus als BMB con. zu arbeiten.

PP: Hast Du auch schon Installationen mit Field-Recordings von Städten im öffentlichen Raum realisiert, so wie beispielsweise Bill Fontana bei der Ohrbrücke zwischen San Francisco und Köln vor dem Kölner Dom, wo er Klänge der beiden Städte in Echtzeit miteinander mixte?
JB: Die Version von Cityscape, die ich in Rotterdam als Teil von Jeanne van Heeswijk's Projekt State of Mind realisiert habe, war eine Art 'Hörraum', in dem die Besucher einen Mix von Tönen aus der ganzen Stadt live und auch von Tape hören konnten. Installationen in der Art von Fontana habe ich allerdings noch nicht gemacht. Meistens arbeite ich bei meinen Installationen mit 'totem' Material, das auf CD gebrannt ist. Kürzlich habe ich mit Albert van Westing ein Stück namens Publiek im Treppenhaus eines Amsterdamer Gebäudes aufgeführt. Dabei benutzten wir Aufnahmen aus dem Gebäude selbst, um es herum und auch von anderen öffentlichen Plätzen, Straßen, Bahnhöfen usw. in einer mehrkanaligen Lautsprecherinstallation.

PP: Der ROM-Teil von Cityscape ist seiner Erscheinung nach sehr minimal und fordert den Benutzer explizit dazu auf, zuzuhören. Beinhaltet die (adäquate) Beschränkung auf diesen einen Stadtplan eine Kritik an der Art und Weise, wie dieses Medium üblicherweise benutzt wird? Oft kann man da ja nur reagieren und sich von einem billigen Gimmick zum nächsten klicken...
JB: Hm, ja... es geht auf jeden Fall mehr ums Zuhören als ums Klicken. Mir gefiel die Idee viele Klangebenen in einem kompakten Interface zu integrieren. Es gibt da schon einige 'versteckte' Klänge, die auf unterschiedliche Arten von Mausbewegungen reagieren.
Die technischen Beschränkungen wurden allerdings auch von Video Positive auferlegt, die es zuerst für die ToyBox CD-ROM lizensierten. Alle beteiligten Künstler wurden angehalten, etwas zu machen, was nicht viel Festplattenplatz einnimmt und auch auf dem langsamsten Macintosh laufen sollte, was 1994 der LC II war. Deshalb ist der Klang auch sehr low-res und mono, wobei es über eine große Anlage oder Kopfhörer immer noch ganz OK klingt. Halt die Spielzeugversion des Radioprojektes. Da die veröffentlichte Version einen Fehler hatte, beschloss ich, es auf der neuen CD noch einmal rauszubringen.

PP: Seit wann läuft Deine Website?
JB: Die läuft seit Februar '97. Sie entstand als Teil einer Ausstellung von Stroom HCBK, dem Kunstzentrum in Den Haag.

PP: Dort scheinen alle Gedanken zu theoretischen Aspekten gelandet zu sein, die Du je hattest. Wie viele einzelne Seiten gibt es? Wächst das ganze immer noch?
JB: Die Site setzt sich aus Entwürfen und Scans meiner Notizbücher der letzten 10 Jahre zusammen. Die verwendeten Seiten haben alle mit Klang, Netzwerken oder Städten zu tun. Der Ansatz dabei war Verbindungen zwischen verschiedenen Ideen und Arbeiten aus unterschiedlichen Zeitabschnitten zu schaffen, und zwar nicht unbedingt in chronologischer Reihenfolge, wie man das oft von einem Künstler erwartet, um eine Art 'Entwicklung' zu zeigen. Ich fand es auch interessant, etwas privates in ein solch öffentliches und zugleich distanziertes Medium wie das Internet zu packen. Für mich ist das so eine Art Orakel, um zu Ideen zurückzufinden oder Assoziationen zu bekommen. Die theoretischen Teile sind schon recht chaotisch, was daran liegt, dass sie direkt aus den Büchern kommen. Ich hoffe aber, dass die Art der Platzierung und Verlinkung eine Art Struktur reinbringt. Die Texte müssten auch in eine etwas lesbarere Form gebracht werden. Wie viele Seiten da jetzt im einzelnen zusammenkommen, weiß ich auch nicht mehr. Wachsen sollte es schon, aber ich hatte in der letzten Zeit einfach nicht die Zeit dazu.

PP: Auf einigen Seiten sind auch Zeichnungen von Dir zu sehen. Wie sehen Deine visuellen Arbeiten aus?
JB: Tatsächlich besteht ein Großteil der Site aus Zeichnungen. Ich zeichne sehr viel, oft um eine Klangskulptur räumlich zu erfassen. Einige sind Stadtpläne von imaginären Städten. Viele sind in Skizzenbüchern, aber ich mache auch großformatige Zeichnungen. Früher habe ich auch Videos gemacht und viele meiner jetzigen Installationen verfügen über ein visuelles Element.

PP: Diente die Arbeit mit Video da schon dazu, die Klangaufnahmen von Städten zu visualisieren?
JB: Ich habe einige Videos gemacht, die meine Arbeit bei Performances unterstützt haben, z.B. 1991 Resonant System und 1992 mit der Serie Dervish eine Reihe von Installationen, die audio-visuelle Beziehungen ausloteten. Das letzte 'richtige' Video war A Desiring Machine (1994) und ist mit dem Cityscape-Projekt verknüpft. Es thematisiert den Komplex 'seinen Platz innerhalb der Stadt' zu finden. In letzter Zeit ist das Arbeiten mit Video aber eher selten geworden. Fertige Bänder zu erstellen ist für mich extrem zeitaufwendig und teuer, deshalb bemühe ich mich, das Editieren auf ein Minimum zu beschränken. Dieses Jahr habe ich mit BMB con. eine Reihe von einstündigen Bändern für PARK 4dTV in Amsterdam gemacht und das befriedigt meine Ambitionen in dieser Richtung fürs erste.

PP: In Deiner Arbeit scheinst Du oft Sachen aus der Vergangenheit in neuere Projekte zu integrieren. Stimmt das?
JB: Ja, bestimmte Sachen wiederholen sich schon in meiner Arbeit, Elemente aus älteren Stücken tauchen in einem neuen Kontext auf. Ich nehme auch vieles auf, was dann erst sehr viel später Verwendung findet. Augenblicklich habe ich zwei, drei Projekte, die sich immer noch in der Phase des Sammelns befinden. Anhören und arrangieren werde ich das vielleicht erst in fünf Jahren. Mir kommt es so vor, als würde ich sehr langsam arbeiten.

PP: Du hast am Institut für Sonologie in Den Haag gelehrt. Wie sah die Arbeit dort aus?
JB: Zu einem Teil war das sehr technisch geprägt und ich habe Wissen im Umgang mit Computern, MIDI, digitalem Editing und so vermittelt. Dann habe ich eine Einführung in 'Audio Art' versucht, was für mich im Gegensatz zu elektronischer Musik steht und studentische Projekte betreut, die von der Erstellung einer CD zur Entwicklung von elektronischen Musikinstrumenten reichten. Meine eigene Arbeit konnte ich dort nicht machen. Ich habe auch den Eindruck, dass sie mich nicht so richtig ernst nahmen! Der theoretische Teil orientiert sich meiner Meinung nach zu stark an traditioneller Kompostion und vernachlässigt den kreativen Umgang mit Klang und einige sehr interessante philosophische Herangehensweisen an eine 'Klangtheorie', die anderswo höher bewertet werden.

PP: Und das hat Dich dazu bewogen, dort aufzuhören?
JB: Ich war gelangweilt davon, dass die Abteilung zu sehr auf Technologie und traditioneller Komposition basiert und ich nicht den Einfluss, die Zeit und Energie hatte, das zu ändern. Das mag jetzt alles etwas negativ klingen, aber es war einfach eine persönliche Entscheidung. Interessant wird es natürlich durch die Studenten selber. Für Leute, die zum Lernen und Arbeiten motiviert sind, kann es eine gute Entscheidung sein, dahin zu gehen. Die Studios sind zwar etwas überlaufen, aber sehr gut. Und es lehren auch einige interessante Leute dort.

Selected Discography:

Fabricata Illuminata, Cassette und Video (1986, F.I.)
Black Wall Blue, 12" Single (Hula) (1986, Red Rhino)
ShT, 12" Single (T.A.G.) (1987, Sweatbox)
Digitaria, LP/CD (T.A.G.) (1987, Sweatbox)
Voice, LP (Hula) (1987, Red Rhino)
BMB con.1, C60 Cassette (1990, BMB con.)
site, C15 Cassette (1991, JB)
Accelerator/Accumulator #1 The Burning, C30 Cassette (1991, JB)
BMB con.2, C60 Cassette (1991, BMB con.)
De Kapel II, C45 Cassette (1991, Maldoror)
Ocean, C60 Cassette (1992, JB)
Radioworks, C30 Cassette (1993, JB)
Toybox, CD-ROM (1995, Moviola)
BMB con.7, CD (1995, Staalplaat)
Sonderangebot, CD (1995, Staalplaat)
Tanger, CD Single (1997, Staalplaat)
Cityscape, CD (1997, Staalplaat)
BMB con #8, CD Single (1997, Staalplaat)
Sonambiente, LP (1997, Staalplaa
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Bild: CD-Cover Cityscape