Auf die Ohren

Das Gehör im Visier des Militärs (Neue Zeitung für Musik, 2007)

BEWUSSTSEINSSTEUERUNG
Wer jemals beobachtet hat, wie schnell sich ein exzessiv schreiender Säugling mittels einfacher, repetitiver Synthesizermusik beruhigen lässt, wird keinen Zweifel daran hegen, dass Klang einen gewaltigen Einfluss auf die menschliche Psyche haben kann. Die Methode entstammt den frühen 1960er Jahren, als der Komponist und Elektronikbastler Raymond Scott nach einer Möglichkeit suchte, mit Musik besänftigend auf Babies einzuwirken. Die daraus resultierende Trilogie Soothing Sounds for Baby entstand in Zusammenarbeit mit dem im US-Bundesstaat Connecticut ansässigen Gesell Institute, das sich seit nunmehr über fünfzig Jahren der Erforschung des Lernverhaltens von Kindern widmet.

Scotts lange und monotone Synthesizerschleifen mögen damals, also vor der massenhaften Verbreitung dieses Instruments, futuristisch angemutet haben – sie wirken jedoch auch heute noch. Das liegt neben der spezifischen Art der Klänge und dem Aufbau der Arrangements daran, dass das Gehör bereits im Mutterleib ausgebildet wird und daher schon im Säuglingsalter recht gut funktioniert. Mit zunehmendem Alter gestaltet sich die Beeinflussung des Menschen mit Musik allerdings nicht nur schwieriger, sie ist auch sehr umstritten. Man erinnere sich etwa an die federführend von der Firma Muzak bis in die 1980er Jahre erstellten seichten Orchesterfassungen von Hits, die motivations-, leistungs- oder konsumfördernd sein sollten. Während musikalisch Unbedarften häufig das Verständnis für eine Beeinträchtigung durch solche Klänge fehlte, bestand ein großer Teil der weit verbreiteten Opposition gegenüber diesen Praktiken aus Musikern. 1984 setzten sich FM Einheit (Einstürzende Neubauten), Genesis P. Orridge (Throbbing Gristle, Psychic TV), Trini Trimpop (Tote Hosen) und William S. Burroughs in dem Film Decoder mit dem System der manipulativen Bewusstseinssteuerung durch Musik auseinander und suchten nach einem Ausweg. Auch die heutzutage dezent im Hintergrund erklingende süßlich-klebrige Wellnessmusik, die Besuchern von Saunen und ähnlichen Einrichtungen eigentlich beim Entspannen unterstützend zur Seite stehen soll, zeigt nicht bei allen Gästen die gewünschte Wirkung. Die dagegen Resistenten scheinen eine sonische Entdeckungstour durch leise Geräuschwelten zu bevorzugen, anstatt sich mittels eines vorgefertigten Produkts eine bestimmte Gemütsverfassung oktroyieren zu lassen. Es wäre interessant zu erfahren, wie hoch der Anteil der Personen dieser Gruppe ist, die mit John Cages Auffassung der Unmöglichkeit von Stille sympathisieren.

PSYCHOLOGISCHE KRIEGSFÜHRUNG
Das Ohr gilt als das schutzloseste Sinnesorgan des Menschen. Im Gegensatz zum Auge, das man, sollten einem die visuellen Gegebenheiten nicht passen, einfach zumachen kann, lässt sich nicht ohne weiteres weghören, wenn unerwünschte Schallwellen das Ohr erreichen. Diese Eigenschaft ist ein Relikt aus der Zeit der Höhlenmenschen, als das Gehör sogar während des Schlafs aktiv sein musste, um zuverlässig vor herannahenden Gefahren zu warnen. Seitdem Musik und Klang ohne größeren Aufwand auch von mobilen Einheiten mechanisch wiedergegeben werden können, macht sich auch das Militär die Ohnmacht, mit der der Mensch mitunter von außen einwirkenden Klängen gegenübersteht, zunutze. So entwickelte die beim US-Militär für psychologische Kriegsführung zuständige Abteilung PSYOP während des Vietnamkriegs ein Hörstück, mit dem die gegnerischen Vietcong zur Aufgabe bewegt werden sollten. Es hieß Wandering Soul oder Ghost Tape Number 10 und spielte mit dem in Vietnam weitverbreiteten Ahnenglauben, dass man dort begraben sein muss, wo man gelebt hat – andernfalls würde die Seele für immer ruhelos umherirren. Die Kulisse des knapp vierminütigen Stücks bildete eine Echolandschaft aus unheimlich zischenden und wabernden elektronischen Sounds, die mit Anleihen traditioneller vietnamesischer Musik versehen wurde. Vor diesem Hintergrund fand das Gespräch eines Mädchens mit seinem gefallenen Vater statt. Er beklagte seinen sinnlosen Tod, wünschte sich wieder mit der Familie vereint und forderte seine noch lebenden Mitkämpfer dazu auf, das Kämpfen einzustellen und nach Hause zurückzukehren. Mitunter wurde das stundenlang über die Lautsprecher eines Hubschraubers in den nächtlichen Dschungel abgestrahlte Musiktheater durch zusätzliches Abschießen von Phosphormunition angereichert. Auch wenn das befremdliche Ensemble aus Bild und Ton sicherlich spektakulär und möglicherweise sogar furchteinflößend war, blieb seine Wirksamkeit fraglich. Bisweilen dürfte sie sogar kontraproduktiv ausgefallen sein, denn viele der mit den Amerikanern verbündeten südvietnamesischen Truppen pflegten denselben Ahnenglauben wie die nordvietnamesischen Vietcong. Ursprünglich waren die an Hubschraubern befestigten Lautsprecher lediglich der psychologischen Kriegsführung vorbehalten. Allerdings liegt der Gedanke nahe, dass einzelne Piloten ihrem Blutrausch während des Angriffs durch das Abspielen von lauter Musik einen zusätzlichen Kick verpassten. Francis Ford Coppola wählte für ein solches Szenario im Film Apocalypse Now groteskerweise ein Musikstück der klassischen Hochkultur: den Walkürenritt von Richard Wagner. US-amerikanische Panzerschützen aus dem Irak berichteten jüngst, dass sie bei ihren Angriffen besonders das Mitsingen der Zeilen 'Burn, motherfucker, burn' des bodenständigen Rock-Stücks Fire Water Burn der Bloodhoung Gang euphorisiert hätte.

MODERNE MYTHEN
Der Einsatz von Musik wurde zu einer festen Größe in den Arsenalen des US-Militärs. Auch 1989, bei der Festnahme von General Manuel Noriega, dem Machthaber von Panama, spielte sie eine Rolle. Als Noriega der amerikanischen Militäroperation Just Cause nichts mehr entgegenzusetzen hatte, flüchtete er sich in die Nuntiatur des Vatikans, die daraufhin von der Armee umstellt wurde. Um am Tor der Vertretung Verhandlungen führen zu können, ohne dabei von den parabolischen Mikrofonen der anwesenden Reporter belauscht zu werden, wurde das Gelände von mehreren Lautsprechern mit Musik beschallt. Der Soldatensender SCN hatte eigens zu diesem Zweck ein ganztägig durchgeführtes Wunschkonzert ausgerufen. GIs und Marines stellten für den als Opernliebhaber geltenden Noriega ein exklusives Rock’n’Roll-Programm zusammen. Es war weitgehend auf seine augenblickliche Situation zugeschnitten und bestand aus Titeln wie No more Mr. Nice Guy, Prisoner of Rock’n’Roll, You’re no good, Crying in the Chapel, I fought the Law and the Law won, Nowhere to run, Judgement Day oder If I had a Rocket Launcher... Vermutlich war mit der Aktion die unausgesprochene Hoffnung verbunden, Noriega durch die Musik so weichzuklopfen, dass er sich unter dem Einfluss der Musik früher oder später ergeben würde. Im Gegensatz zur Beschallung dürften die Verhandlungen schließlich kaum Tag und Nacht vonstatten gegangen sein. Das Vorgehen sorgte für weltweites Aufsehen und es hagelte Proteste gegen die weithin als Folter aufgefasste Maßnahme. Der internationale Druck veranlasste Präsident Bush nach vier Tagen letztlich dazu, die drangsalierende Musik stoppen zu lassen. Gleichzeitig gab er die Entwicklung eines weniger provokativen Störsignals in Auftrag, mit dem die Medien am Lauschen gehindert werden sollten. Obwohl sich General Noriega den US-Truppen erst fünf Tage nach Abstellen der Musik ergab, bleibt seine Kapitulation im kollektiven Gedächtnis und auf diversen Seiten des Internets eng mit der Beschallung durch Musik verbunden. Trotz dieses Misserfolgs zeigten sich die zuständigen Stellen des FBI offensichtlich von der Aktion inspiriert, als die Behörde im Februar 1993 in den Konflikt zwischen dem Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms und der Davidianersekte unter Leitung von David Koresh eingriff. Koresh verweigerte den Behörden nachdrücklich den Zutritt zur festungsartig ausgebauten Ranch seiner Sekte auf dem texanischen Mount Carmel bei Waco. Nachdem das Gelände zehn Tage ergebnislos belagert worden war, begann man die Eingeschlossenen auch hier Tag und Nacht zu beschallen. Dazu wurde eigens ein skuriler Geräuschcocktail entwickelt, der aus einer Mischung von Babygeschrei, Sirenenheulen, kreischenden Möwen, Dudelsäcken, sterbenden Kaninchen, krähenden Hähnen und Zahnarztbohrern bestand – garniert wurde das Ganze mit Musik von Alice Cooper und Nancy Sinatra. Die perfide Aktion sollte zermürbend und irritierend wirken, aber die knapp hundert auf dem Gelände verschanzten Sektenmitglieder ließen sich davon nicht zur Aufgabe bewegen. Die Belagerung endete erst, als auf dem Gelände der Ranch nach 51 Tagen unter bislang ungeklärten Umständen ein Feuer mit anschließendem Schusswechsel ausbrach, in dessen Verlauf die meisten Sektenanhänger starben.

NOISE-TERROR
Dass der Einsatz von Musik und Krach in Panama und Waco nicht die gewünschte Wirkung zeigte, mag an der großen Entfernung zwischen Lautsprechern und Eingeschlossenen gelegen haben. Möglicherweise ließ die Distanz die Betroffenen eine Form des Umgangs mit der für sie sicherlich nicht angenehmen Situation finden, vielleicht setzte aber mit zunehmender Dauer auch eine gewisse Gewöhnung an die Lage ein. Erfolgt ein Angriff mit Schall dagegen überraschend, so werden schlagartig Urängste von Gefahr und Bedrohung ausgelöst, denen die Adressaten nahezu schutzlos ausgeliefert sind. Bereits die Nazis hatten sich die Wirksamkeit dieses Umstands zunutze gemacht, als sie ihre Stuka-Flugzeuge mit der so genannten Jericho-Sirene ausstatteten. Der einzige Zweck dieses während des Sturzflugs eingeschalteten Instruments bestand darin, ein markerschütterndens Heulen von sich zu geben. Es evozierte den Angriff übermächtiger Raubvögel, denen man sich schutzlos ausgeliefert fühlen sollte. Auch heutzutage wird die Methode des Bombardierens mit Schall aus der Luft noch angewendet. Im November 2004 vermeldete die Weltpresse, dass Israel nach dem Abzug der jüdischen Siedler aus dem Gazastreifen vornehmlich nachts Kampfjets in niedriger Höhe dutzendfach die Schallmauer durchbrechen ließ. Die dadurch über dem Gebiet freigesetzten Druckwellen wurden von betroffenen Palästinensern mit dem Klang von Erdbeben oder starken Bomben verglichen und ließen – so wurde vermutet – die Rate der Fehlgeburten signifikant steigen.

WEISSE FOLTER
Um über das Gehör auf einen Gegner einzuwirken, brauchen Geräusche allerdings nicht notwendigerweise laut zu sein. Wohl jeder weiß aus eigener Erfahrung, welch quälende Macht an sich dezente Töne wie etwa das sirrende Flügelschlagen einer Mücke, ein tropfender Wasserhahn oder das Ticken einer Uhr erlangen können. Mit zunehmender Dauer vermögen solche Klänge das Bewusstsein immer stärker in Beschlag zu nehmen, bis sie schließlich gänzlich weltausfüllend werden. Diesen Ansatz verfolgt auch eine neue Verhörmethode des US-Militärs. Sie ist Teil eines Pakets, das die Bush-Regierung im März 2002 im Rahmen ihres weltweiten Feldzugs gegen den Terror unter dem Namen enhanced interrogation techniques autorisierte. Neben leichteren Schlägen, erzwungenem Stehen, dem Verbringen in Kältezellen oder simuliertem Ertrinken gehört dazu auch die mehrstündige Beschallung von Gefangenen mit Musik vor dem Verhör. Zwar werden dafür in Guantanamo und dem Irak größtenteils kulturell aversive Klänge wie Rockmusik oder Hip Hop verwendet, in einem repressiven Kontext kann jedoch nahezu jedes akustische Mittel so eingesetzt werden, dass es zu einer Qual wird. Selbst ein vergleichsweise harmloses Kinderlied wie der einminütige Titelsong der Fernsehserie Barney und seine Freunde zeigt daher eine Wirkung, wenn er sich wie ein Mantra ununterbrochen für 24 oder 48 Stunden zwangsweise die Gehörgänge entlangwindet. Neben dieser Wahrnehmungsmonopolisierung spielt die surreale Komponente der Beschallung von Gefangenen mit Musik eine wichtige Rolle. Ganz gleich ob man den banalen Text des Barney-Songs ('I love you / you love me / we’re a happy family / with a great big hug / and a kiss from me to you / won’t you say you love me too') versteht oder nicht, mit fortlaufender Dauer wird man seine Umgebung zunehmend als albtraumhaft empfinden, sich dem Wahnsinn näher fühlen und ihm schließlich womöglich sogar anheimfallen. Wie jede Foltermethode zielt auch dieses Mittel darauf ab, den Willen von Gefangenen zu brechen. Im Gegensatz zu den brutalen Formen herkömmlicher Folter hinterlassen die Anwendungen der so genannten 'weißen' Folter allerdings keine sichtbaren Spuren. Ursprünglich wurden die enhanced interrogation techniques Mitte der 90erJahre im Rahmen des SERE-Programms (Survival, Evasion, Resistance, Escape) entwickelt. Sie sollten dazu dienen, Angehörige der eigenen Streitkräfte auf die ihnen vermeintlich bevorstehenden brutalen Verhörsituationen im Falle einer Gefangennahme vorzubereiten. Menschenrechtler wie der Chicagoer Anwalt H. Candace Gorman verweisen angesichts der verwendeten Methoden auf Parallelen zu den von der Gestapo eingeführten Methoden einer verschärften Vernehmung, die nach dem zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrechen eingestuft wurden – letztlich stehen sie dem Phänomen allerdings weitgehend hilflos gegenüber.

MAKE SOME NOISE
Um wenigstens das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die mit den erweiterten Verhörmethoden der US-Armee einhergehenden Angriffe auf Persönlichkeit und Menschenwürde der Opfer zu schärfen, startete Amnesty International zur Weihnachtszeit 2005 die Kampagne Make some Noise. In deren Rahmen gaben sich die Sternchen Christina Aguileras und Avril Lavigne, notorische Heuchler wie U2, die scheintoten Duran Duran und deutsche Teeniestars vom Schlage Tokio Hotel nebst weiteren Absurditäten des Musikgeschäfts ein Stelldichein, um Songs von John Lennon neu zu interpretieren. Die Bearbeitungsrechte an den Stücken wurden der Organisation von Yoko Ono, der Witwe des Sängers, kostenlos zur Verfügung gestellt. Ausgerechnet Yoko Onos eigene Musik hatte sich im Rahmen des SERE-Programms neben Babygeschrei als die am stresserzeugendste herausgestellt. Und möglicherweise erweitert sie das Repertoire der Folterknechte mit dieser Initiative erneut.



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Bild: www.psywarrior.com